Langzeitarbeitskonto: So profitieren Arbeitgeber & Beschäftigte

19.08.20

Unternehmen, die wettbewerbsfähig bleiben wollen, müssen auf die sich verändernden Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt reagieren. Zur Bewältigung demografischer Herausforderungen kommt es nämlich immer mehr darauf an, sich Gedanken zu machen, wie qualifizierte Mitarbeiter gewonnen und langfristig im Unternehmen gehalten werden können. Insbesondere moderne, flexible und familienfreundliche Arbeitszeitmodelle gewinnen in diesem Zusammenhang zunehmend an Bedeutung. Ein geeignetes Instrument zur flexiblen Gestaltung der Arbeitszeit sind sogenannte Langzeitarbeitskonten.   

Was ist ein Langzeitarbeitskonto und wie funktioniert es?

In der Theorie ist die Idee von Langzeitarbeitskonten, auch Wertguthaben oder Zeitwertkonten genannt, faszinierend einfach: Arbeitnehmer arbeiten in bestimmten Lebensphasen mehr und sparen während der sogenannten Ansparphase einen Teil ihrer Arbeitszeit oder ihres Arbeitsentgelts auf einem Konto an.

Später können sie bei Bedarf auf dieses Konto zurückgreifen und die vorgearbeitete Zeit für eine längerfristige Freistellung von der Arbeitsleistung unter Beibehaltung des Sozialversicherungsschutzes nutzen. In beiden Phasen erhält der Mitarbeiter ein Gehalt und der Arbeitsplatz bleibt auch während der Freistellungsphase voll erhalten.

Von dem angesparten Guthaben können Mitarbeiter also eine finanziell abgepufferte und sozialversicherungsrechtlich geschützte Auszeit vom Beruf nehmen, etwa für die Kindererziehung, die Pflege Angehöriger, für ein Sabbatical oder für Weiterbildung. Außerdem besteht die Möglichkeit, im Alter die Arbeitszeit zu reduzieren oder früher aus dem Beruf auszuscheiden.

Das Wertguthaben: eine Win-win-Situation 

Welche Vorteile bestehen für den Arbeitgeber?

  • Flexibel im Wettbewerb: Wertguthaben als effektive Möglichkeit, um die Personalauslastung zu gestalten.
  • Fachkräfte finden: Wertguthaben als Form von flexibler Arbeitsmöglichkeit steigert die Attraktivität des Unternehmens. 
  • Fachkräfte im Unternehmen halten: Wertguthaben ermöglichen es Unternehmen, die Gestaltung der Arbeitszeit ihrer Mitarbeiter lebensphasenabhängig mitzubestimmen.
  • Know-how sichern: Wertguthaben ermöglichen eine sanfte Gestaltung des Berufsausstiegs. 
  • Maßgeschneidert anlegen: Ein Wertguthaben bedeutet das verzinste Ansparen von Gehaltsanteilen. 

Welche Vorteile bestehen für den Arbeitnehmer? 

  • Sozial abgesichert: Wertguthaben ermöglichen ein Gehalt zu beziehen und sozialversichert zu sein, ohne dabei beruflich tätig zu sein. 
  • Spürbarer Spareffekt: Das Ansparen erfolgt vom Bruttogehalt und ist steuer- und versicherungsfrei.
  • Variable Einzahlung: Der Mitarbeiter bestimmt, ob er Teile des Entgelts oder der Arbeitszeit in das Wertguthaben einzahlt. Auch die Höhe der Einzahlung bestimmt der Mitarbeiter selbst. 
  • Vielfältige Verwendung: Der Mitarbeiter kann sich das Wertguthaben für die verschiedensten Zwecke ausbezahlen lassen.
  • Vor Insolvenz geschützt: Aufgrund der gesetzlichen Insolvenzschutzverpflichtung muss der Arbeitgeber das Guthaben vollständig absichern. 
  • Vererbbarkeit: Das angesparte Guthaben kann im Todesfall vererbt werden.

Geld vs. Zeit - Welche Werte können angespart werden? 

Bei den Quellen für die Ansparung wird zwischen Arbeitsentgelt und Arbeitszeit unterschieden. Zum Entgelt, auch Vergütungsbestandteil genannt, gehören neben einem bestimmten Teil des laufenden Gehalts auch Sonderzahlungen, Boni und Tantiemen. Auch ein Zuschuss des Arbeitgebers ist denkbar und steigert die Attraktivität von Wertguthaben für Mitarbeiter enorm.

Daneben können Überstunden oder Resturlaubstage als in einen Geldwert umgewandelten Zeitbestandteil angespart werden. Arbeitszeit ist demnach ein Wert, der in Form von Arbeitsentgelt entlohnt wird. Eine Stunde Arbeitszeit ist nicht nur eine Stunde auf einem Konto, sondern die gesparte Zeit wird vielmehr in Geld umgerechnet. Der Prozess der Umrechnung ist dabei gesetzlich geregelt. 

Bei dem Langzeitarbeitskonto handelt es sich um ein Konto, das wie jedes andere Konto auch verzinst wird. Somit sind Zeitkonten auch eine Wertanlage – und das macht dieses Modell ziemlich kompliziert. Das Arbeitsentgelt aus Wertguthaben wird zur Finanzierung von Freistellungsphasen verwendet, wobei der angesparte Geldwert bei der Auszahlung wiederum in Zeit umgewandelt wird.

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Wie werden Wertguthaben angespart und ausbezahlt? 

In der Ansparphase bringt der Arbeitnehmer einen Teil seines (Brutto-)Arbeitsentgelts sowie der Arbeitgeber seinen Arbeitgeberanteil an der Sozialversicherung in das Wertguthaben ein. Die Einzahlung erfolgt steuer- und sozialabgabenfrei. Entsprechend wird das Wertguthaben als Bruttobetrag inklusive Steuern und Sozialversicherungsbeitrag geführt und wächst während der Ansparphase an.

Während der zweiten Phase, der sogenannten Auszahlungs- bzw. Freistellungsphase, zahlt der Arbeitgeber das Arbeitsentgelt aus dem zur Verfügung stehenden Wertguthaben aus, wodurch das Guthaben abgebaut wird. Erst bei der Auszahlung werden die Beiträge und Steuern für das angesparte Wertguthaben fällig.  

Die Höhe der Auszahlung in der Freistellungsphase erfolgt nicht beliebig. Die Sozialversicherungsträger erkennen einen Auszahlungsbetrag in Höhe von 70 bis 130 Prozent des durchschnittlichen monatlichen Arbeitsentgelts der vergangenen zwölf Monate an.   

Die Verwendung von Wertguthaben

Es wird zwischen verschiedenen Freistellungszwecken unterschieden. Neben den gesetzlich geregelten Freistellungszwecken ist auch die Vereinbarung individueller Freistellungszwecke denkbar. 

  • Zu den geregelten Zwecken zählen beispielsweise die Pflege von Angehörigen, die Kinderbetreuung oder die zeitlich befristete Verringerung der Arbeitszeit. 
  • Zu den individuellen Zwecken gehören zum Beispiel ein Sabbatical, eine Weiterbildung oder der Übergang in den Ruhestand.

Was passiert, wenn die Beschäftigung endet? 

In der heutigen Zeit nimmt die Flexibilität in der Arbeitswelt enorm zu. Arbeitnehmer wechseln wesentlich häufiger den Job und bleiben ihrem Arbeitgeber immer weniger treu. Ein Jobwechsel nach weniger als drei Jahren Beschäftigungsverhältnis ist dabei keine Seltenheit.

So kann es passieren, dass der Mitarbeiter zum Beispiel aufgrund eines Firmenwechsels nicht dazu gekommen ist, das angesparte Wertguthaben in Anspruch zu nehmen oder vollständig aufzubrauchen. Das Gesetz sieht deshalb vor, dass Wertguthaben nicht verloren gehen, sondern auf Folgearbeitgeber oder auf die Deutsche Rentenversicherung Bund übertragen werden können.

Wie können Wertguthaben im Unternehmen eingeführt werden?  

Bei einem Wertguthaben handelt es sich um ein freiwilliges Angebot des Arbeitgebers. Dabei müssen die Rahmenbedingungen in einer schriftlichen Vereinbarung festgelegt werden. Wichtig ist festzuschreiben, dass das Wertguthaben ausschließlich für eine Freistellung angespart wird, wobei der Freistellungszweck dagegen vorher nicht definiert sein muss.  

Bietet ein Arbeitgeber Wertguthaben an, haben grundsätzlich alle Beschäftigten die Möglichkeit ein solches Langzeitarbeitskonto einzurichten. Jedoch kann der Arbeitgeber die Beschäftigtengruppen, denen die Einrichtung und Nutzung von Wertguthaben ermöglicht wird, auch festlegen.




 

 

 

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